Bitte wählen Sie den Titel für diesen Essay selbst!

(R)evolution (c) by Emma Braslavsky

Ich habe mich immer gesträubt, mich einer Bewegung, einer Partei oder einer sonstigen Gruppe anzuschließen. Ich verabscheue Massenveranstaltungen und Gruppenausflüge. Fragt man mich nach meiner politischen Haltung, dann antworte ich: autodynamisch. Fragt man mich nach meiner religiösen Zugehörigkeit, sage ich: autoerotisch. Auf die Frage, welchen Einfluss ich als total autonomes Individuum auf die Lage meines Landes nehmen könnte, müsste ich zugeben: keinen umwälzenden, solange ich nicht zugleich eine materielle Kraft à la Berggruen oder Albrecht entfaltete. Materie entwickelt Anziehungskraft, sagte mein Physiklehrer und erklärte uns anhand eines 5-Mark-Scheins und eines 100-Mark-Scheins, wie unterschiedlich stark die Anziehung der Teilchen bei beiden ausfallen wird. Für die Romantiker unter den Lesern des Blogs sage ich deshalb: Mein Leben bestimmt das Erzählen, das Schreiben und die Liebe. Für die Realisten unter euch gebe ich zu, dass mein Leben von meiner Familie, vom Kampf mit dem Berliner Bildungssystem und der Bewältigung des bürgerlichen Selbstverwaltungsaufwands bestimmt wird, da ich meiner selbst leibeigen und selbständig bin und für alles die Verantwortung übernehmen möchte und muss. Und für die Materialisten unter euch gestehe ich ein, dass mein Leben seit Jahr und Tag von abwechselnden Geldnöten und Geldsegen, von Währungsreformen und Enteignungen geprägt und diesbezüglich abgehärtet ist.

Huxley beglückte den Leser mit dem Zitat

Kluge Menschen suchen sich die Erfahrungen selbst aus, die sie zu machen wünschen.

Wenn er damit Recht hätte, hätten einige von uns doch eine Wahl gehabt haben müssen, sich den Auswirkungen dieser Finanz- und Politikmisere zu entziehen? Aber Huxley unterliegt wie die meisten von uns dem Trugschluss, dass eine Wahl immer ein Akt wahrer Selbstbestimmung sei. Denn auf das, woraus du wählen kannst, hast du meist keinen Einfluss. Die Wahl als demokratisches Grundrecht eines jeden mündigen Bürgers ist für mich nicht zugleich die Rechtfertigung für Demokratie und Mitbestimmung. In Restaurants, beispielsweise, darf ich aus einem Angebot wählen. Wenn ich Glück habe, kann ich die Kartoffeln für Reis tauschen. Du bist auch nicht gern gesehen, wenn du zuviele „Umstände“ machst. Zuviel Mitbestimmung ist für die meisten zu anstrengend.

Wenn „Bürger“ und „Individuum“ aufeinandertreffen, entsteht nicht unbedingt eine Liebesbeziehung. Anarchistische Zungen würden sogar behaupten, beide schlössen einander aus. Aber Hand aufs Herz: Wer von uns hat schon Lust, den ganzen Tag mit dem Megaphon durch die Gegend zu rennen und „das System“ aufzumischen? Wer von uns möchte 24 h jeden Tag alles von A-Z selbst bestimmen? Ein Kennzeichen von Leben ist die Symmetrie von Anpassung u n d Widerstand. Das könnte man ruhig auch auf Gesellschaften übertragen. Individuum zu sein heißt doch nichts anderes, als mutig eigene Positionen im Leben einnehmen zu können und diese Positionen auch ebenso mutig wieder verlassen zu können. Ein Individuum ist nackt. Ein Bürger ist nie nackt. Er bekennt Farbe, verhält sich und steht in Beziehung zu einem größeren Gefüge. Ein Bürger-Individuum kann sich aus dem einen Gefüge herauslösen und in ein anderes einfügen. Und es kann jedes Gefüge zugleich genießen und ablehnen. Im nächsten Essay folgen die Analyse und praktische Anwendung aus dem Leben dazu. Übrigens, in der „Überwindung“ von Widerständen liegt sogar eine Art von Sublimation. Überwindung in der Bedeutung von: sie ertragen und sie besiegen. Wem das gefällt, der kann ruhig den Titel für diesen Essay selbst wählen. Wem nicht, der sollte das erst recht tun.

3 Kommentare zu 'Bitte wählen Sie den Titel für diesen Essay selbst!'

  1. Liliana Lara sagt:

    Me parece que somos miembros del mismo partido político y de la misma religión! Y yo también quisiera tener esas influencias de mi país (si acaso hay allá personajes como esos!) Me encanta tu lucidez, tu ironía, la belleza de tus palabras (me refiero a la belleza linguística, es que soy una hedonista del lenguaje ….)
    No me atrevo a ponerle título a tu ensayo (soy fatal para titular) pero desde ya me declaro tu fan!! Me encanta eso de que un ciudadano-individuo “puede disfrutar y rechazar simultáneamente cualquier macroestructura”. Allí hay una sabiduría extrema, en mi opinión! Ya estoy loca por leer tupróximo ensayo!!

  2. Luis Felipe Fabre sagt:

    ¡Buenísimo!

  3. Emma Braslavsky sagt:

    Gracias!