Ich kann mir vieles vorstellen, denn ich habe selbst ein schwaches Wesen. Ich weiß zum Beispiel auch, wie es ist, der Beste sein zu wollen, und ich kenne die Gedanken, die kommen, wenn auf dem Weg Beanspruchtes rüde verwehrt bleibt. Ich kenne die rasenden Bewegungen des Hirns im Falle einer Zurückweisung, und ich weiß, dass es nur eine wenig geringere Verwurzelung in lutheranischer Wohlanständigkeit und kleinbürgerlicher Verzagtheit bedürfte, dass ich mich fallen ließe in die Sphäre der Obskuren. Ich kann mir vorstellen, wie man mit einem Höhergestellten zu handeln beginnt, „um fortzukommen“, wie es so schön heißt. Wahrscheinlich, so stelle ich mir das vor, macht man das gar nicht mit dem verschlagenen Grinsen des Dunkelmanns. Man lacht gemeinsam, schätzt sich ernsthaft wert. So werden sich, stelle ich mir vor, zum Beispiel Professor und Assistent einig: darüber, dass der Jüngere einen Titel verdient hat. Ich kann mir vorstellen, wie man trinkt, bis tief in die Nacht, und bis man sich wechselseitig versichert hat, dass es gut ist und zum Wohle aller.
Ich kann mir vieles vorstellen, ich kann mir auch vorstellen, wie grauenhaft sich ein Reporter fühlt, wenn diejenige Szene einer Recherche, anhand derer man alles zeigen, das gesamte Thema in wenigen tiefenscharfen Bildern erzählen könnte, nicht eintritt, die er daher erfinden muss. Ich kann mir vorstellen, wie er einbricht in das Arsenal anderer Gattungen und sich dort mit den Vorderladern der Literatur reich bewaffnet, um die starren Reihen des Journalismus aufzurüsten. Und wie er dann als Augenzeuge darüber schreibt, was er nur vom Hörensagen kennt. Ich kann mir vorstellen, Interviews zu erfinden wie einst der deutsche Journalist Tom Kummer, und zwar – wie er es in seiner Autobiographie „Blow Up“ beschreibt – nicht allein aus Not, sondern auch, weil der Akt des Erfindens sich manchmal ehrlicher zur Welt verhält als die Behauptung einer Chronik.
Ich kann mir das alles vorstellen, ich kann mir auch Situationen vorstellen, die es notwendig erscheinen lassen, zu töten – und es hinterher zu leugnen. Ich kann mir sogar vorstellen, aus blindem Überlebenswillen zum Massenmörder zu werden. Ja, ich kann mir vorstellen, wie einer wie John Demjanjuk zum Schlächter wurde, sei es in Treblinka oder Sobibor. Ich kann mir auch vorstellen, wie man das eigene Ich vergessen kann, nach einer bösen Tat, und dann – auf eine Art – zu Unrecht bestraft wird, auch als Person, die mal ein Massenmörder war. Ich kann mir vorstellen, jedes Verhalten zu entschuldigen, und ich kann mir vorstellen, mich bis zu einem Zustand zu zweifeln, der tatsächlich „post Moral“ ist und jede Lüge als eine Variation von Wahrheit rechtfertigt.
Dass ich es nicht tue? Nennen wir es Kultur. Oder Spießigkeit. Oder beides.
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