Cuba Fake News – Los Superdemokraticos http://superdemokraticos.com Mon, 03 Sep 2018 09:57:01 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=4.9.8 Die Obsession, das fehlende Volk zu erfinden http://superdemokraticos.com/poetologie/die-obsession-das-fehlende-volk-zu-erfinden/ http://superdemokraticos.com/poetologie/die-obsession-das-fehlende-volk-zu-erfinden/#comments Wed, 16 Jun 2010 22:29:45 +0000 http://superdemokraticos.com/?p=269 Mein Name ist Lizabel Mónica und ich bin Kubanerin. Aufgewachsen bin ich mit den achtstündigen Reden unseres Comandante en Jefe (Oberbefehlshaber) und dem Schlachtruf „Pioniere für den Kommunismus, seien wir wie der Che!“ Im Alter von 13 Jahren beschäftigten mich nicht so sehr die Jungs, denn die Sorge, ob ich eine „Revolutionärin“ sei oder nicht. Als ich mein Studium an der Universität begann, hatte sich an diesem Panorama wenig geändert: Ich entschied mich für das Fach Geschichte anstelle von Literatur, was unbestreitbar meine Berufung gewesen wäre – ich habe mich selten von Notizheften und Stiften entfernen können -, weil ich darauf drängte, die Realität zu verstehen, die mich umgab. Ich schloss das Studium ab, fing an Texte zu publizieren und gründete 2007 ein alternatives Kulturprojekt…. heute bin ich 28 Jahre alt und ich weiß, dass die Politik immer einen wichtigen Platz in meinem Leben einnehmen wird.

Ich bin unter dem Einfluss der Kubanischen Revolution geboren. Seit ich klein war, verfolgte ich die Gespräche über mein nächstes Spielzeug mit genauso viel Interesse wie die Abhandlungen über eine Zukunft, in welcher der Kapitalismus nur noch eine ominöse Vergangenheit auf dem Weg zu einem neuen Gesellschaftssystem gewesen sein wird. Die Bühne meiner Kindheit betraten Kinderbücher zur selben Zeit wie das Magazin Sputnik, eine damals recht populäre Zeitschrift aus der Sowjetunion. Der Kalte Krieg hatte die kubanische Realität so sehr erfasst, dass das Verbot, nordamerikanische Musik zu hören, sinnvoll erschien, wenngleich meine Freunde es heimlich sehr wohl taten, während ich mich an die Regeln hielt, weil ich dachte, sie hätten einen guten Grund. Zuhause erlebte ich meine Eltern nicht nur voller Begeisterung für den „revolutionären Prozess“, in den sie tief versunken schienen, sondern auch ich erhielt eine Erziehung, die aus mir ein beispielhaftes Exemplar der neuen Gesellschaft machen sollte. Die nationale Zeitschrift Mujeres (Frauen), die eine weibliche Leserschaft über das adäquate Verhalten der Frau im Sozialismus belehrte, gehörte zu meiner Pflichtlektüre. Als die Berliner Mauer fiel, war ich acht Jahre alt, und ich ahnte nicht, dass dies ein Wendepunkt nicht nur in der Geschichte meines Landes, sondern auch in meinem eigenen Leben sein würde.

Wenn ich mein Leben aus heutiger Sicht betrachte, dann könnte ich sagen, dass aus jenem Mädchen, das Marxismus-Wettbewerbe gewann und in der Schule die Auszeichnung „Beso de la Patria“ (Kuss des Vaterlandes) erhielt, eine Frau geworden ist, die jenem Mädchen immer noch ähnelt, wenngleich sie sich verändert hat. 2006 schloss ich mein Studium an der Universität von Havanna mit einer Arbeit über eine Frau ab, die die Geschlechterpolitik der Revolution dekonstruierte. Für die Gutachter war die Argumentation meiner Arbeit zu kontrovers, obwohl ich für sie die beste Note erhielt. Im Anschluss arbeitete ich ein Jahr lang als Chefsekretärin für eine offizielle Kunst- und Literaturzeitschrift, eine Arbeit, die ich wieder aufkündigte, um meine eigene unabhängige Zeitschrift Desliz (Fauxpas) zu gründen. Meine kulturellen Arbeiten, seien es Kunstwerke, Literatur oder Essays, sind systemkritisch. Projekte wie „Die Kunst des Sexes“ sind zu politisch, um sie der seriösen Gesellschaft zu überlassen, und „Die politische Kunst“ ist zu sexy, um sie in Händen der Männer zu lassen. Cuba Fake News und Pensar Cuba en Tiempo Futuro (Über das Kuba der Zukunft nachdenken) sind literarische Werke und Kunstwerke, aber vor allem sind sie Zeugnisse eines von der Obsession gezeichneten Lebens. Die Obsession, „sich das Volk zu erschaffen, das fehlt“, wie Gilles Deleuze sagen würde.

Übersetzung: Anne Becker

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