Colonia – Los Superdemokraticos http://superdemokraticos.com Mon, 03 Sep 2018 09:57:01 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=4.9.8 Ein Abend mit 0,001% der Stimmen http://superdemokraticos.com/laender/deutschland/ein-abend-mit-0001-der-stimmen/ Fri, 02 Dec 2011 18:06:31 +0000 http://superdemokraticos.com/?p=5824 Manchmal, an den Abenden, wo eine Lesung stattgefunden, an der Grenze des Peinlichen stattgefunden hat, und ich mich, nachdem alle in die Nacht gegangen sind und alles aufgeräumt worden ist, an die Bar setze, um dem Abend ein Bier hinterherzukippen, setzt sich noch ein Freund dazu und irgendwann stellt er dann die Frage: „Warum machst du das eigentlich? Wirst du dafür bezahlt?“

Die Lesungen finden einmal im Monat in einem Theater statt, das sich eine Bar leistet. Die Bar befindet sich in den liebevoll umgestalteten Büro- und Verkaufsräumen eines Büromaschinenhandels, der in einen günstigeren Stadtteil gezogen ist, das Theater in einem Nebenraum. Seit vier Wochen hat das Theater nun auch eine Notfalltür. „Brandschutz“, sagt die Feuerwehr. „Kultur muss hier mit der Feuerwehr abgestimmt werden“, sagen die Barbetreiber. Der regelmäßige Termin mit Lesungen findet sich im Programm zwischen Konzerten, Improvisationstheater und einer Mitgliederkampagne der GRÜNEN wieder, lockt selber ein unbeständiges Publikum. Manchmal ist der Raum bis auf den letzten Platz belegt. Peinlich wird es immer dann, und zwar peinlich für alle, wenn neben dem Gastgeber und dem Techniker, den beiden geladenen Autoren und vier Freunden, sich noch zwei zahlende Gäste einfinden, und die anderen acht Personen, diesen zwei zahlenden Gästen einen wundervollen Abend bescheren sollen. Mit diesen 10 Personen haben sich also 0,001% der Kölner Bevölkerung eingefunden. 0,001% Kölner interessieren sich also für die Literatur der jungen Szene der Stadt und für ihre überregionale Gäste, mit denen sich die Szene vernetzen möchte. „Ja, warum machst du das eigentlich?“

Dass ich die aktuelle Literaturreihe in diesem Theater organisiere, hat eine Vorgeschichte. Schon seit 2005 haben wir, damals noch eine Gruppe von Autoren, eine regelmäßige Reihe betreut. Das war zunächst in den Räumen einer literarischen Stiftung. Auch damals haben wir uns die Frage gestellt: „Wo in dieser Stadt ist Platz für die literarische Szene?“. In Köln, einer Stadt, die sich heute als Event-Stadt vermarktet, die noch als Kunst- und Musik-Stadt gilt, rangiert Literatur auf dem Abstellgleis. Da hilft auch kein Literaturhaus, das ja eher dafür da ist, Literatur bzw. aktuelle Neuerscheinungen in die Stadt zu bringen, auch kein Literaturfestival, das seinen Erfolg dadurch begründet, dass es eben nicht auf Autoren sondern auf Schauspieler und Sternchen setzt. Irgendwo zwischen den Paletten mit Comedy und Slam Poetry ist auch noch ein Schuhkarton für die buchstäbliche Literatur – sicherlich in einem kleinen Buchladen, der dann ein paar Stühle zwischen die Regale stellt, wenn wieder Lesung ist. Die literarische Szene der Stadt? Ein müder Haufen, den es zusammenzubringen gilt. Und wenn wir das nicht machen, so haben wir damals gedacht, wer macht es dann? Natürlich ist es auch Selbstzweck gewesen, vor allem wenn es mehrere Körper des Literaturmenschen gibt: Der Gastgeber, der Neugierige, der Schriftsteller, der Verleger. Aber so funktioniert eben auch Szene. Wenn der Gastgeber als einer dieser Körper fehlt, gerät alles aus dem Gleichgewicht. Räumlich gesprochen: wenn es keine Bühne gibt, dann gibt es auch keine jüngeren Autoren und keine aktuelle in kleineren Verlagen veröffentlichte Literatur mehr. Das lief eine paar Jahre mit allen Höhen und Tiefen, an wechselnden Orten und jeder Menge interessanter Schriftsteller/innen. Ein Jahr habe ich dann pausiert, keine Lust mehr gehabt an diesem Aktivismus. Dann kam die Anfrage des Theaters.

Die nächste Lesung steht an. Die Presse ist informiert, Einladungen werden gepostet und verschickt, Flyer und Plakate sind gedruckt. Da müssen einige noch verteilt werden. Eigentlich könnte alles gut gehen. Wäre da nicht die Angst vor den 99,999%.

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Deutschland, 13. August 2011 http://superdemokraticos.com/laender/deutschland/deutschland-13-august-2011/ http://superdemokraticos.com/laender/deutschland/deutschland-13-august-2011/#comments Wed, 07 Sep 2011 06:54:07 +0000 http://superdemokraticos.com/?p=5027 Der Raum verengte sich. Allmählich wurde alles dicht gemacht. Bildbearbeitung, Dunkelkammer, Analogfotografie.

Habe ich ein Verhältnis zu dem Land, in dem ich geboren wurde, aufwuchs, lebe; – das ich nie länger verlassen habe als für vier Wochen? Und immer in der Nähe geblieben, nie aus Europa raus. Und als ich die Gelegenheit bekam, mich für ein anderes Land zu entscheiden, wollte ich nicht.

Schland und Zucker

„Das alles führte dazu, dass ich mich für den östlichen Teil Deutschlands entschied.“

Den ersten Tag der deutschen Einheit, den 3. Oktober 1990, habe ich in London, England, verbracht. Ich habe eine Nacht auf einer Parkbank geschlafen, irgendwo im Norden der Stadt, weil die Tube nicht mehr fuhr, und die Indie-Disko schon um 2 Uhr dicht gemacht hatte. Die erste Tube fuhr um halb sieben, half past six, und ich hatte mich um eine Stunde verschätzt, weil ich dachte half past six bedeute halb sechs.

Das Hotel erreichte ich dann gegen sieben.

Im Folgenden habe ich es fast in jedem Jahr geschafft, zum Tag der deutschen Einheit im Ausland zu sein. Republikflucht.

Später, im neuen Millenium, bin ich vom Rheinland nach Berlin gezogen, auch der Geschichte wegen. Faszination für die Hauptstadt, die einmal untergegangen war, und dann geteilt wurde, und im Osten wieder Hauptstadt war, bis die Mauer fiel, und Zwischenjahre vergingen, Zwischenjahre, die ich in Köln verbracht habe, der damaligen gefühlten Hauptstadt der rheinischen Republik, bis Berlin wieder zur Hauptstadt wurde, eine Hauptstadt mit Narben, mit Weite, mit Farben, und eine andere Hauptstadt als Paris, Rom, London, Madrid –

„Wir erklären uns solidarisch mit allen Bürgern, die nach 1990 für ihr verfassungsgemäßes Handeln zum Schutze der DDR von der Bundesrepublik Deutschland diskriminiert, kriminalisiert, verfolgt, bestraft und inhaftiert wurden und fordern ihre Rehabilitierung.“

Der 13. August 2011 ist ein Samstag. Morgens in der Bahn sitze ich zwei Teenie-Pärchen gegenüber. Die Mädchen auf dem Schoß der Jungen. Sie alle sind höchstens sechzehn (also in dem Alter, das sie für gewisse CDU-ler interessant werden lässt) und ich bin ob ihrer Unbefangenheit und Innigkeit sehr überrascht – das hatte es bei uns nicht gegeben, damals, als ich sechzehn war, da herrschte immer die Angst vor der Peinlichkeit, und der Bestimmung, und überhaupt die Angst vor dem Zwischengeschlechtlichen – damals, als die Mauer noch stand, 1987.

„Nun hatte der frühere US-Militärgouverneur in Deutschland, General Lucius D. Clay, der nach dem 13. August als persönlicher Vertreter des US-Präsidenten nach Westberlin geschickt worden war, verschiedene Attacken auf die Grenze veranlasst, und ich hatte vom Stadtkommandanten Helmut Poppe den Befehl erhalten, mich an der Friedrichstraße aufzuhalten und darauf hinzuwirken, dass keine größeren Provokationen stattfanden.“

1987, habe ich überlegt, wäre eigentlich eine Zeitreise wert. Ich würde mir Zettelchen schreiben mit Hinweisen, Ratschlägen –
Petra küssen, Michaela küssen, Stefanie küssen –
bestimmte Schallplatten zulegen –

1987, Gorbatschow, Helmut Kohl, Hanns-Dietrich Genscher –
Flohmärkte, Restbestände, alte Postkarten in Schwarzweiß, Fotografien von Garagendächern, Fotos von bunten Tapeten, von Männern und Frauen vor Bergen und Tälern, ich könnte ein anderer Mann geworden sein.

1987, eine Zeitreise, ich stelle mir Selbstbegegnungen vor, auch unter sexuellen Vorzeichen – „Hilfe, ich wurde von mir selbst missbraucht“, usw. – ganz à la „Die Wirkung ging der Ursache voraus“.

Das geteilte Deutschland, das eine und das andere Deutschland, ein Österreicher ist ein Deutscher mit Hut, in der Schweiz hat man eine Ablautreihe nicht mitgemacht, in Luxemburg wird alles zerkaut, in Belgien die Ostkantone, „etwas Besseres als die Nation“, nicht schwer eigentlich, das zu finden, und wie war das mit der Mauer, ist das nicht langsam mal egal, die Mauer ist doch auch von kommunistischer Seite von vorne herein ein Fehler gewesen, immer diese Defensiven, die dann auch noch offensiv und gleichsam beleidigt verteidigt werden mussten, müssen, und ausgerechnet heute macht eine der beiden Zeitungen, für die ich arbeite, mit einer missglückten Satire auf, „Danke für 28 Jahre ohne Kapitalismus“, kann man das so machen, nein, das kann man eigentlich nicht so machen, eigentlich nicht, nein.

„Die Idee, Deutschland gemeinsam mit den Russen regieren zu wollen, ist ein Wahn.“

Deutschland: Das Wetter ist bescheiden, wie im ganzen Sommer. Wir bekommen allmählich Angst. Das Wetter war immer schon ein Argument gegen dieses Land gewesen. Dieses Land war immer zu kalt, sonnenarm, winterfest, regnerisch und trübe gewesen, kein Vergleich zu den mediterranen Sommern, vier Monate lange Hitzeperioden – davon träumte ich, an diesem Nachmittag in der Übergangsjacke, von den tropischen Nächten, von denen es in diesem Sommer eine, höchstens zwei gegeben hatte; eine typisch deutsche Sehnsucht also tauchte auf, die Sehnsucht nach Wärme.

Ein Mann neben mir, alt, verhuscht, weite, hellbraune Cordhose, Pullover in verwaschenen Farben, darüber eine abgetragene, bleichschwarze Weste, liest sich laut die BZ vor. Ich schaue aus dem Fenster. Jemand hat Hammer und Sichel an eine Häuserwand gesprüht; es sieht aus wie ein umgedrehtes Euro-Zeichen.

PA oder Partei. Hinter jedem Vertrag steht die Polizei.
Fotolagen, Redaktionsschluss, Bebilderungsfragen, niemand nimmt sein Foto mit ins Bett.

„Besser ein zerstückeltes Deutschland, von dem wenigstens der westliche Teil als Prellbock für die Kräfte des Totalitarismus wirkt, als ein geeintes Deutschland, das diese Kräfte wieder bis an die Nordsee vorlässt.“

Im Fernsehen war zu hören, dass auch der Bevölkerungsrückgang für den Frieden in Europa seit 1945 sorgte, neben dem allgemeinen Wohlstand. Es herrschten Ruhe, Zufriedenheit, Platz. Kein Volk konnte sich ein Millionenheer leisten.

Ein Mann in Militärhosen besah sich einen Bogen zur Steuermeldung.
Keine Harmonie mit Nazis.

Abends als fünftes Rad zum Pärchenabendessen. Die Frauen zogen sich in die Küche zurück, um über Beziehungen zu reden, die Männer blieben am Esstisch und redeten über Musik.

Etwas Besseres als die Nation.

Zitate aus: junge Welt, 13. August 2011

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