Trip Latino – Los Superdemokraticos http://superdemokraticos.com Mon, 03 Sep 2018 09:57:01 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=4.9.8 Für jene und solche Catrinas http://superdemokraticos.com/themen/buchmesse/espanol-por-una-catrina/ Mon, 05 Dec 2011 21:12:16 +0000 http://superdemokraticos.com/?p=6138

Nichts ist besser als der Anhang der Catrinas zu sein. Ein Lichtschweif aus Worten, mit dem alle überwunden werden: die Wachleute der Botschaften, die Hunde der Hotels oder die ausführenden Organe eines Macht, das ihnen von der Obrigkeit verliehen wurde. Freiheit durch sie… um zu leiden, sich zu verstecken, zu lachen oder auch den nötigen Sinn für Humor zu finden, um ein paar Blonde zu ertragen. Was für eine Freude deutsch zu sprechen um sie ohne Vermittler verstehen zu können. In der Delegation, mit der wir zur FIL kamen, gab es ein paar sehr, sehr hübsche Frauen, die absolut berechtigt nicht den Empfang besuchten, der für die Deutsche Delegation gegeben wurde. Dieser war praktisch nur für die wahren Deutschen der Delegation gedacht, denn der Rest von uns musste seinen Wein bezahlen.

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Der Schuster trägt die schlechtesten Schuhe http://superdemokraticos.com/laender/bolivien/espanol-en-casa-de-herrero-cuchillo-de-palo/ Sat, 26 Nov 2011 03:42:04 +0000 http://superdemokraticos.com/?p=5939 Eines dieser typischen lateinamerikanischen Motive. Ein Refrain, der überall wieder zitiert wird, ein populäres Mantra mit unendlich vielen semantischen Äquivalenten, in der gesamten Bandbreite, die unsere Sprache zu bieten hat. Bei den Marktschreiern auf den Straßen hinter dem Zócalo, östlich vom Gymnasium San Ildefonso. Ich suchte nur nach einem Blue Demon-T-Shirt. Aber es scheint, als wären diese Person und El Santó (Der Heilige), eine weitere Wrestling-Figur, wohl die einzigen Figuren, die von den Mexikanern als registrierte Marken anerkannt werden. Die Shirts waren einfach nicht zu finden. Jeder weiß, wer sie verkauft, ein Weg von einem Verkäufer zum nächsten Verkäufer, der dich zum Geschäft schickt, wo sie es auch nicht haben. Mehr als eine halbe Stunde Fußmarsch über den Ground Zero der Vereinten Staaten von Mexiko, der Plaza de la Constitución. Trauben von Polizisten an allen Ecken im Osten, noch symbolischer als die Polizisten noch weiter im Osten vor den Geschäften von Cartier in Polanco. Festgelegte Routen für die Touri-Busse. Wir fuhren wieder aus Bolivien ab, ohne einen einzigen Post geschrieben zu haben. Letzten Mittwoch dachten wir noch, dass das Unwohlsein vorübergehend wäre. Manchmal bereitet die Höhe einigen Menschen eine schlechte Zeit. Am Tag unserer Lesung in La Paz bekam ich fast keine Luft. Schlussendlich saß ich mit Schüttelfrost vor einer Menschenmenge, von der ich nicht weiß, inwiweit sie unsere Witze verstanden hat. Jetzt sind wir in Mexiko, heute Nachmittag kommen wir in Guadalajara an.

Mir machen die 3.600 Meter jetzt nicht mehr ganz so sehr so schaffen, obwohl ich schon in meiner Kindheit damit Probleme hatte – ich wurde ja auch nicht dort geboren – und es steht fest, dass ich, wenn ich mal wieder hier bin, in den ersten Tagen vermeide, in das Zentrum hinaufzugehen. In La Paz trinke ich lieber auch nicht, mein eigener Wunsch für uns beide, denn mein Körper tut sich schwer damit, den Kater zu überleben, und auf dieser Reise mit Niko hätte es eh nichts gebracht. An dem Tag, an dem wir lesen sollten, mussten wir unseren Weg durch die Zona Sur zum Goethe Institut plötzlich, von einem Moment auf den anderen, unterbrechen. In den 20 Minuten im Taxi, zwischen Obrajes und der Avenida Arce, versuchte ich mir vorzustellen, wie ich mich aufspalten könnte, um die beiden Stimme gleichzeitig und simultan aus mir herauszuholen. Wie sehr hätte es mir gefallen, das Mädchen aus dem Film „Der Exorzist“ zu sein, um den Texten, die wir gemeinsam geschrieben haben, den Charakter, den Charme verleihen zu können.

Unserer Autoren erschienen nur so viel früher, wie es unbedingt nötig war, damit die Lesung nicht ohne sie begann. Keine Chance, irgendwas zu proben. Fernando Barrientos versuchte, die weibliche Stimme zu ersetzen, die mir fehlte, um mich in die männliche Figur zu verwandeln, die ich normalerweise auf dieser Lesereise bin, wenn wir den Cybersex-Text von Augustin Calcagno inszenieren. Am Ende entschied ich mich dafür, es alleine zu machen, und ersetzte das Geschlecht mit ein bisschen mehr deutschem Schuldgefühl. Das war ein Versuch, die Verwirrung auf der Bühne des armen Flaco zu vermeiden, der ja mit unseren Ablauf nicht vertraut war. Zusätzlich zeigte sich meine Mutter als eine der schlechtesten Fotografinnen der Stadt. Auf jeden Fall und trotz aller Pannen teilte ich mir die Bühne mit unseren Autoren aus La Paz und das war etwas sehr Schönes. Und am nächsten Tag wurde es sogar noch besser, als wir bei unserem Workshop die Arbeit von Ernesto Martínez kennenlernten, der mit Editiones Vinculo als erster bolivianischer Verlag digitalisierte Bücher herausbringt und Mitinhaber der kulturträchtigsten Buchhandlung von La Paz ist, von Martínez Acchini. Außerdem konnten wir uns auch mit der Arbeit von „Desde el sur“ (Aus dem Süden) vertraut machen, einem Portal, das versucht, sich für die Stimmen der bolivianischen Diaspora aus der ganzen Welt zu etablieren. Natürlich haben wir auch Lulhy Castro getroffen, die Repräsentantin des Cartonera Verlags aus Oruro “Rostro Asado” und ein Kollektiv von Schriftstellern und Künstlern, welches in dieser Stadt versucht, den öffentlichen Raum einzunehmen. Sich mit jenen Menschen zu treffen, die so wie wir denken, also mit den anderen Neuronen dieses kollektiven Gehirns, setzt viel Energie frei. Aus dem mobilen Hauptquartier der Superdemokraticos geht unser großer Dank an Michael Friedrich, den Direktor des Goethe-Instituts in La Paz und an Patricia Cuarita, die Kulturbeauftragte des Instituts. Ebenfalls vielen Dank an die lesenden Autoren Javier Badani, Fernando Barrientos und Richard Sánchez, wie auch an das Publikum, das kam, um uns zu hören und am nächsten Tag an unserem Workshop teilzunehmen.

Der Zweck unserer Reise ist es, uns mit Seelenverwandten zu treffen, romantisch gesprochen. In Bolivien haben wir nicht nur neue Freunde gefunden, sondern konnten auch auf die Solidarität von lieben Menschen zählen, die uns geholfen haben, alles, auch das Unvorhersehbare, ohne größeren Schaden zu ertragen und zu überwinden. Vielen Dank, La Paz, ohne euch wäre es schwer gewesen so weit zu kommen. Am 2. Dezember präsentieren wir auf der Buchmesse in Guadalajara unser Buch und unser brandneues Ebook.

In unseren Taschen haben wir Bücher zweier Verlage, die wir voller Stolz präsentieren: des Verbrecher Verlags, ein konsequenter Verlag aus der Unabhängigen Republik Kreuzberg, und der Edicion Vinculo, die mit ihrem digitalen Katalog für zeitgenössische Literatur die Tür für die bolivianische Literatur in der Welt öffnet.

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Parfüme mit Feromonen http://superdemokraticos.com/laender/mexiko/parfume-mit-feromonen/ Sat, 26 Nov 2011 00:38:59 +0000 http://superdemokraticos.com/?p=5913

Lecker und saftig!! Foto: Mosh el Cabrón (flickr)

Parfüme mit Feromonen oder ohne. Wir führen jetzt Sticker in allen Größen. Die schnellste Verbindung für dein Handy ad infinitum. Die besten Torten der Welt – für dich. Frische Cocktails mit allen Früchten, mit Wasser oder Milch. Mit Vitaminen!! Die gelbe Kraft. Wusstest du das? 100 Prozent natürlich. 100 Prozent reiner Kaffee. Beste Qualität für deine Familie. Mit Kalzium, mit Eisen und Zero Sodium. Liebe das Leben. Probier das! Neu: drei Elektrotaxis. Die authentische Orangenlimonade. Tarot, Kaffeesatz, Handlesekunde, Fotointerpretation, ruf an. Denn der Geschmack zählt. Die besten Würstchen der Welt. Sushilito, die japanische Spezialität aus D.F. Alles nur, damit es dir gut geht. Die besten Songs. Neu, mit Menthol, erfrischend, weckt die Atemwege auf. Maximale Sanftheit. Folge uns auf Facebook! Alle Baustellen der Stadt auf dieser Webseite. Der einzige Grieche der Stadt, Essen, das nicht beschwert, sondern inspiriert. So viel Kultur hatte der Touribus noch nie! Hält bei den zwei wichtigsten Museen. Ich bin Mexiko. Soy México. Brauchst du Geld? Wir leihen es dir. Vermeide den Exzess.

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Die Rache Monteczumas http://superdemokraticos.com/laender/bolivien/die-rache-monteczumas/ Fri, 25 Nov 2011 02:23:18 +0000 http://superdemokraticos.com/?p=5921

Opfergaben zum Verbrennen bei traditionellen Aymara-Zeremonien: für mehr Geld, eine gute Reise oder was auch immer. Gegen Salmonellen helfen aber nur Salzlösung und Zeit.

Ich werde mich erinnern, an die Kopfsteinpflasterstraßen, die vor der deutschen Schule anfangen und danach wieder aufhören. An das Schild: Achtung, autofahrende Eltern. Oft bin ich hier im Taxiautotaxiauto vorbeigekommen in den zehn Tagen, die wir in La Paz verbracht haben. Mit Blick auf die wackelnde Dufttanne und den hüpfenden Rosenkranz am Rückspiegel des Fahrers. Anfangs, um in der Zona Sur, in San Miguel, im Alexander Coffee das Internet zu nutzen und Fruchtfrappés zu trinken. Alexander Coffee: eines der erfolgreichsten Unternehmen Boliviens, das überall diese modernen Kaffee-cum-Internet-Cafés betreibt, mit verpackten Brownies, aber alles „hecho in Bolivia“, im Land hergestellt.

Mein Hals glüht, drückt, brennt, beim Schlucken, beim Schlafen, ich habe eine Erkältung, eingeschleppt aus der kühl-regnerischen Stadt Bogotá, wo es jeden Tag pünktlich um 14 Uhr grau und nass wird. Nach einer bolivianischen Saltena in einem kleinen Restaurant mit vier Tischen oder nach einer Pizza in einer dieser Shopping Malls, die in Lateinamerika das öffentliche Leben in klimatisierte Palmen-Zonen verlegen, kommt noch ein Bauchgrummeln dazu. Die Rache Monteczumas liegt auf mir: Durchfall, Erbrechen, so nennt man die Reisekrankheit, die angeblich auf dem Fluch des letzten mexikanischen Aztekenherrschers beruht, der vor dem spanischen Eroberer Hernan Cortés zwar friedlich in die Knie ging, aber dann ermordet wurde. Nicht schön. Also verbringe ich die Tage im Bett.

Aber ich werde mich erinnern an die Taxiautotaxifahrten, an das rote Fleisch der Berge, die trocken rund um die Stadt La Paz in die Höhe ragen. An den Ausflug mit Jeep in das Hinterland, durch Geröll-Canyons. Die rohen Steine, die sandig ausgespülten Rinnsale, an den Stadthängen Hochhäuser darauf thronend, steil in die Höhe steigend. Die Lichter nachts. Die Marineschule mit Leuchtturm und Ausguck und Takelage, in einem Land ohne Meer, direkt an der Stadtautobahn. Ich werde mich erinnern an den freundlichen, allgemeinen Arzt, der mich in ein leeres Krankenhaus bringen wollte, wo es kein Klopapier gab. An den lustigen Onkel Pepe, der mich dann in einem anderen Krankenhaus nochmal untersuchte. Ich werde mich erinnern an die Siestas der Straßenarbeiter unter den Bäumen auf den Plazas. Hingestreckt. Dunkle Gesichter. Verschränkte Arme. An die Straßenverkäuferinnen mit weiten Röcken: 2 Bolivianos für ein Haargummi, 6 für eine Cola. An den täglich sinkenden Eurokurs. An die vielen Dienstleister: Wächter vor den reichen Stadtvierteln, Rasensprenger auf Verkehrsinseln, Gepäckträger am Flughafen, Tütenpacker in Geschäften, Sandwichausrufer vor Bürogebäuden. Die Alternative zu 1-Euro-Jobs?

Und an das Dachzimmer bei Rerys Familie im Tudorstil mit vielen Fenstern, Holzbalken, Licht, in jedem Fenster ein anderes Himmels-TV: Wolken, Fichtenwipfel, hochragende Klippen aus sandigem Stein, Vögel, bellende Hunde der Nachbarn. An die Krankenkost, die mir Rerys Mutter brachte: Salzlösung mit Ananasgeschmack, mit Wasser aufgelöste Maizena mit Zimt, Salzcracker, dazu der surrende Luftbefeuchter. An die Düfte aus der Küche von Kika, der Haushälterin, die aus dem Dorf Mokomoko („Kleiner Mann mit breitem Schnauzer“) kommt, acht Stunden Autofahrt entfernt von La Paz, mit einem Klima wie im Süden des Landes, wo nur noch 30 Leute wohnen. Daran, dass sie die einzige ist, die in diesem Haushalt eine Privatsphäre hat. Denn in ihrem Zimmer räumt sie selbst auf.

An all das werde ich mich erinnern, obwohl oder weil ich die meiste Zeit im Bett lag. Auf dem Hexenmarkt in La Paz, mein einziger Ausflug ins Zentrum für ein paar Stunden am letzten Tag, hab ich die Medikamente nur fotografiert, die Statuen für Gesundheit, Glück, gute Reise oder Weisheit, die Opfergaben, die Tees, Tinkturen, Lama-Föten und Kräuterkörbe. Gekauft hab ich ein silbernes Kokablatt. Ich werde es Monteczuma nennen. Oder besser Cuauthémoc, so hieß sein Cousin. Er hat sich als letzter Herrscher von Tenochtitlán nicht ergeben, sondern Widerstand geleistet. Salmonellen, adé!

Und ich werde dankbar sein, denn wenn man krank ist, ist die Wahrnehmung eine andere.

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Postkarte aus La Paz http://superdemokraticos.com/laender/bolivien/5944/ Wed, 23 Nov 2011 04:30:03 +0000 http://superdemokraticos.com/?p=5944

Von links nach rechts: 1- Früchte auf dem Markt, 2- Spielen in einer Schrottkarre auf dem Weg nach Palca, 3- Glücksflaschen in der Straße der Hexen in La Paz, 4- Ekekostatue, 5- Fußballmatch mit dem Berg Illimani, 6- Handwerker, der auf einer Straße im Zentrum arbeitet, 7- Mit unseren neuen Freunden im Café Blueberry, 8- Cholita in der Straße Illampu.

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„Sitzt nicht so viel vorm Computador!“ http://superdemokraticos.com/laender/kolumbien/sitzt-nicht-so-viel-vorm-computador/ http://superdemokraticos.com/laender/kolumbien/sitzt-nicht-so-viel-vorm-computador/#comments Wed, 16 Nov 2011 17:15:34 +0000 http://superdemokraticos.com/?p=5817 Porträt der österreichisch-jüdischen Buchhändlerin Lilly Ungar, die die älteste mehrsprachige Buchhandlung Bogotás betreibt, die Librería Central.

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=Hgdypj5UUb0[/youtube]

Lilly Ungar lässt es sich nicht nehmen: Jeden Morgen um 9.30 Uhr ist sie eine der ersten in der Librería Central im Norden von Bogotá, Calle 94, # 13-92. Sie setzt sich an ihren Schreibtisch, der an einer Wand zwischen der internationalen und der lateinamerikanischen Literatur steht, dort empfängt sie Gäste, Freunde, Mitarbeiter, Journalisten, aber auch Telefonate. Sie gibt Bestellungen auf, bespricht die Anordnung der Bücher in den Schaufenstern. „Ich kann nicht mehr 24 Stunden am Tag lesen, meine Augen sind nicht mehr so gut“, erklärt sie lächelnd. Sie durchforstet die Kataloge, die nationalen und internationalen Zeitschriften, bestellt aus Deutschland, den Staaten und Spanien und bei den kolumbianischen Filialen der Verlage aus Mexiko und Spanien.
„Haben wir genug von dem Jobs?“ Das Buch über den Apple-Gründer Steve Jobs werde doch gerade überall besprochen, das sollte auf jeden Fall sichtbar an der Kasse stehen. Die 90-Jährige Buchhändlerin und -liebhaberin, die vor 60 Jahren mit ihrem vor ein paar Jahren verstorbenen Mann Hans Ungar die erste Buchhandlung in Bogotá gründete, wie sie sagt, „sein Hobby und sein Glück“, spricht freundlich, aber bestimmt. Sie ist die Chefin hier über spanische, englische und deutsche Bücher. Und sie ärgert sich maßlos darüber, dass das lokale Goethe-Institut seine Bibliothek einfach auflöste, aus Platzgründen. „Wie soll man denn ohne Bücher eine Sprache lernen?“

Das Ehepaar Ungar leistete wie kein anderes einen Beitrag zur Kulturszene der Stadt: Es eröffnete die erste Galerie, die sich der zeitgenössischen kolumbianischen Kunst widmet und unter anderem die ersten Ausstellungen von Fernando Botero oder Alejandro Obregon organisierte; Hans Ungar machte sich einen Namen mit anthropologischen Reisen in unerschlossene Gebiete des Landes.
Während eine Mitarbeiterin uns Kräutertee serviert, nehme ich auf einem Ledersessel Platz, blicke auf Familienfotos an der Wand, eine volle Ablage und auf eine elegante Dame im Wollpulli mit Perlenketten, die ein singendes Wienerisch spricht, das gespickt ist von Spanizismen. „Zu Hause haben wir eine Bibliothek von 26.000 Bänden, die vier Zimmer füllen. In vier Sprachen, was einmal ein Problem für unsere Erben sein wird, die alle kleine Apartementos haben.“

1939 floh Lilly Ungar mit ihrer Schwester und ihrem Vater „aus politischen und rassischen Gründen“ gerade noch rechtzeitig aus Österreich, im September, als der Krieg ausbrach. Auf dem Schiff nach Kolumbien lernten die Geschwister aus einem Buch Spanisch, Lilly Ungar war noch keine 18 Jahre alt, jede Person durfte nur 25 Dollar mitnehmen. Zunächst lebten sie ein Jahr in Medellín, wo der Bruder schon einen Posten hatte. Als er dann einen besseren in Bogotá fand, zogen alle mit ihm um. Dort lernte Lilly ihren Mann Hans kennen. „Trotz allem, was passiert ist, reisten wir später einmal im Jahr nach Wien, wir hatten doch viele Freunde dort. Heute sind nicht mehr viele übrig“, berichtet sie leise.

Aus Lilly Ungar spricht eine selbstverständliche Kultiviertheit. Gerade habe sie wieder Thomas Manns „Joseph und seine Brüder“ wiedergelesen und es ganz anders verstanden als früher. Das Buch steht in spanischer Übersetzung an der Kasse – neben Jobs und neben dem aktuellen gefeierten Roman „Tres ataúdes blancos“ ihres Sohnes Antonio Ungar, der in Palästina lebt, einem Politthriller über das fiktive Land Miranda, das nicht nur zufällig Kolumbien ähnelt.

Mit einem unerschütterlichen Glauben hat Doña Ungar zeitlebens die Literatur verteidigt. Doch nun sieht sie eine aktuelle Bedrohung: „Der Computador ist ein großer Schaden für alle Buchhandlungen. In Paris haben 35 Prozent der kleinen Buchhandlungen schon zugesperrt.“ Daher wünscht sie sich, dass „die Leute mehr lesen und weiter Bücher kaufen, und nicht nur am Computador sitzen. Wir als Kinder waren glücklich, wenn man uns Bücher geschenkt hat.“ Zum Abschied schenkt sie mir zwei Bonbons, und den Rat, mich in Ruhe unter den 35.000 Büchern des Ladens umzuschauen. „Lassen Sie Ihre Tasche hier bei mir unter dem Schreibtisch, das ist der sicherste Ort.“

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Bogotá http://superdemokraticos.com/laender/kolumbien/espanol-bogota/ Tue, 15 Nov 2011 21:32:41 +0000 http://superdemokraticos.com/?p=5831 Bogotá wurde Mitte des 20. Jahrhunderts als das London der Anden bekannt und genau so sieht es auch aus. Es gibt ganze Stadtviertel, die eigentlich auch auf einem anderen Kontinent liegen könnten, und das regnerische Novemberwetter passt wunderbar zur Architektur.
Es ist eine wundervolle Stadt, voller Bibliotheken und Buchläden, die auch wegen anderer Dinge in Erinnerung bleibt. Man kann nicht an Kolumbien denken ohne auch an die Farc denken zu müssen, die Guerilla, die das Land seit mehr als 40 Jahren gespalten hält. Man denkt auch an Pablo Escobar, den größten Drogenboss des Kokainkartells aller Zeiten.Das ist eine andere Realität, die aus diesem Land einen Ort machte, an dem es schwierig war zu wohnen, an dem man zu Beginn der 90er sagte, die häufigste Todesursache wäre ein Querschläger, eine Kugel, die ihr Ziel verfehlte.
Auf unserer Reise kamen wir ein paar Tage nach der Ermordung von Alfonso Cano durch das kolumbianische Militär nach Bogotá . Wir kamen in eine geteilte Stadt, in der die eine Hälfte den Tod eines der meistgesuchten – sowohl von der Regierung als auch von der Armee – Guerilla-Anführern feierten, während die andere mit großer Traurigkeit das Scheitern des Dialogs lamentierten. Es gibt Menschen, die der Meinung sind, dass das Land nicht durch Waffengewalt zum so sehr ersehnten Frieden finden wird. Andere, wie der ehemalige Präsident Álvaro Uribe glauben, dass der Frieden von der Ausrotten der Aufständischen abhängig gemacht werden soll. Wieder andere sind der Dichotomie des Pro und Kontra überdrüssig und ertragen das landestypische Zweiparteiensystem einfach nicht länger.
“Wir können nicht behaupten, wir hätten Kolumbien verstanden. Wir können lediglich sagen, dass wir durch unsere Bemühungen verschiedene Stimmen einzufangen, in die glücklichen Lage kamen, alle Meinungen aus erster Hand zu hören und unglaubliche Menschen zu treffen.” Zusätzlich zu den Autoren Giovanna Chadid und John Jairo Rodríguez, die uns zu unseren Veranstaltungen begleiteten, durften wir den Herausgeber Esteban Hincapié und Cristian Valencia kennenlernen. Valencia ist der Chronisten der Hauptstadt, den wir voller Bewunderung in unseren Taschen mitnehmen und nur jedem unserer Leser empfehlen können.

Übersetzung:
Barbara Buxbaum

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Postkarte aus Bogotá http://superdemokraticos.com/laender/kolumbien/espanol-postal-de-bogota/ Sun, 13 Nov 2011 15:56:59 +0000 http://superdemokraticos.com/?p=5863

Von links nach recht: 1. Sonntagsmesse in der Wallfahrtskirche von Monserrat. 2. Apotheke im Stadtzentrum. 3. Blick auf den Plaza Bolivar. 4. Graffiti im Stadtzentrum. 5. Blick auf die Stadt von der Wallfahrtskirche Montserrat. 6. Denkmal von Rufino José Cuervo, dem Herausgeber des ersten Wörterbuchs der La Real Academia de la Lengua Española. 7. Plakat des Studentenprotests im Stadtzentrum. 8. Figur aus Hay días que amanezco muerto („Es gibt Tage, da wache ich tot auf“), einem Buch mit verschiedenen Reportagen des kolumbianischen Journalisten und Autors Cristian Valencia.

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Workshopgäste Bogotá http://superdemokraticos.com/trip-latino/workshopgaste-bogota/ http://superdemokraticos.com/trip-latino/workshopgaste-bogota/#comments Sat, 12 Nov 2011 14:50:05 +0000 http://superdemokraticos.com/?p=5796 Der Workshop im zweiten Stock der Buchhandlung Luvina im Stadtteil La Macarena (angeblich das Greenwich Village von Bogotá) zog sehr unterschiedliche Gäste an: einen der bekanntesten kolumbianischen Kolumnisten und Chronisten Cristian Valencia, von dem zwei Texte hier zu lesen sind. Er nutzt das Netz vor allem, um neue Lektüren zu finden, also als Archiv oder Bibliothek.

Den Professor Jaime Alejandro Rodríguez von der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universidad Javeriana in Bogotá und Direktor von CEANTI (Centro de Educación Asistida por Nuevas Tecnologías) interessiert vor allem die Kollaboration, die Offenheit, die fehlende Hierarchie im Netz, die neue literarische Formen hervorbringt. Er schreibt z.B. über die „digitale Erzählung“ und unterhält das Blog für kollektive Narration Narratopedia. Er ist auch Mitarbeiter der spanischen Wikipedia-Version. Anwesend ebenfalls einer der Redakteure des fünfköpfigen Redaktionsteams der recht neuen Zeitschrift „Aceite de Perro„, die sich nur der Kurzgeschichte, der Prosa widmet, Estéban Hincapié Barrera. Ein klassischer Blogger, Martin Sarmiento, kam ebenfalls vorbei: Er schreibt/schrieb das zweisprachige Blog Latinlover. Anne Bechstedt, Kulturabteilung des Goethe-Instituts, hat gute Erfahrungen mit kollektiven Wikis. Und John Jairo Rodriguez Saavedra, einer der Autoren, die auch für Superdemokraticos geschrieben haben, will sein eigenes Blog anfangen. Derzeit schreibt er für argentinische und mexikanische Online-Literaturzeitschriften. Vielen Dank für die Gastfreundschaft an Carlos Torres, der zusammen mit seiner Frau die Buchhandlung Luvina betreibt, wo es Früchtetee mit frischen Früchten (Maracuja, Muro, Mango) gibt! Er fragte sich, wie denn mit den neuen Medien Geld verdient werden könnte. Das ist und bleibt eine der größten Fragen. Ein paar Modelle haben wir vorgestellt, wer welche kennt, bitte weitersagen.

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Im Radio http://superdemokraticos.com/trip-latino/im-radio/ Thu, 10 Nov 2011 16:29:44 +0000 http://superdemokraticos.com/?p=5783 Live, 13 Minuten!

Gestern hatten wir unser erstes Radio-Interview. An der Straßenecke vor dem Sender standen zwei bewaffnete Soldaten, im Studio saßen drei Moderatoren, von denen zwei sprachen und einer  komische Knöpfe im Ohr hatte. Die Fragen drehten sich darum, was denn eigentlich ein Blog und was die Superdemokratie sei, und wie wir die jungen Menschen finden, die im Netz in Jubelschreie ausbrechen (wenn ich das richtig verstanden habe). Und natürlich wurden wir auch gefragt, wie wir denn Bogotá finden, etwa das Essen. Da wir erst einen halben Tag dort erlebt hatten, blieb uns nichts anderes zu sagen, als: „Der beste Kaffee der Welt!“ Und Rery versuchte herauszufinden, wie denn dieser Maisbrotkäseklops hieß, den sie gegessen hatte. Ergebnis: „Brot mit Käse“. Könnte auch deutsch sein. Hier eine kleine Hörprobe:

[audio:http://superdemokraticos.com/wp-content/uploads/2011/11/Memo.mp3|titles=Memo]

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